gelesen im Dezember – Buchtipp #16

slow travelSlow Travel – die Kunst des Reisens
von Dan Kieran
Verlag Heyne

Es ist schon sehr außergewöhnlich, wenn ein Reiseschriftsteller Flugangst hat und deshalb in kein Flugzeug steigt. Aber Dan Kieran macht aus der Not eine Tugend und entdeckt für sich das Besondere am langsamen Reisen.

Der wahre Reisende hat keinen festgelegten Weg, noch will er an ein Ziel. (Tao-Tê-King von Lao-tse)

Mit diesem Zitat beginnt das Buch und es ist schon sehr passend gewählt. Dan Kieran nimmt sich in dem Buch viel Zeit um zu erzählen, wie alles begonnen, wie sich die Sache mit dem langsamen Reisen entwickelt und wie er das langsame Reisen schließlich kultiviert hat.

Das Buch ist ein Plädoyer dafür offen zu sein für das, was einem begegnet – ob das nun vor der Haustüre geschicht (Kapitel „bleib zu Hause“) oder ganz weit weg. Dan Kieran will uns auch zeigen, dass man gewinnt, wenn man sich von den ausgetretenen Pfaden ins Abenteuer begibt (Kapitel „sei abenteuerlustig“). Es ist wichtig seinem Instinkt zu folgen und Katatrophen willkommen zu heißen, auch diesen beiden Themen hat er jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet.

Dan Kieran hat eine sehr außergewöhnliche Einstellung zum Reisen, er möchte keine Fotos von den Reisen, denn sie können mit der Erinnerung nicht mithalten, die schönsten Dinge sieht man, wenn man alle Sehenswürdigkeiten weg lässt und keinen Reiseführer liest.

aus der Bücherei ausgeborgt

aus der Bücherei ausgeborgt

Meine Meinung zu dem Buch

Auch das Buch (welches ich übrigens aus der Bücherei ausgeborgt habe, Du weißt schon 7 Tage – 7 Bücher) selbst ist eine langsame Reise. Es nimmt niemals den direkten Weg, stattdessen lieber einen kleinen Umweg in Kauf, biegt einmal rechts und das andere Mal links ab. Zwischendurch verweilt es eine Zeit an einem kleinen See, in dem sich das Leben spiegelt.

Es ist ein durch und durch philosophisches Buch, Dan Kieran denkt über das Leben nach während er sich auf dem Weg befindet und lässt seine Gedanken ziehen. Und diese Gedanken teilt er in seinem Buch mit uns.

Besonders gut gefallen hat mir sein Exkurs in das menschliche Hirn und die Verarbeitung von Eindrücken, was natürlich in Wirklichkeit sehr viel mit dem Reisen zu tun hat. Zeit ist nicht nur im Sinne von Einstein relativ, sondern wird aufgrund der unterschiedlichen Art der Verarbeitung im Gehirn unterschiedlich wahrgenommen. Wenn wir so leben, dass Routinen und Regelmäßigkeiten unser Leben bestimmen, leben wir weitgehend im Unterbewusstsein. Das Leben plätschert dahin und vergeht sehr schnell.

Sobald wir uns jedoch auf Neues einlassen, übernimmt das Bewusstsein die Führung. Wir verweilen achtsam im Moment, die Zeit streckt sich, wir nehmen alles viel intensiver wahr und lernen Neues über uns selbst.

Wir verwenden viel mehr Zeit darauf, uns Gedanken darüber zu machen, wie wir unsere Lebensdauer verlängern können, anstatt die Qualität dieses Lebens zu verbessern. Im Leben und beim Reisen geht es jedoch nicht um Dauer oder Entfernungen. Es ist die Intensität des Erlebens, die zählt. Je mehr man sich darauf einlässt, desto länger wird es einem vorkommen.
Dan Kieran

Wenn man langsam reist, verändert sich auch das Zeitempfinden. Das habe ich selbst im Jahr 2010 erlebt, als ich einige Wochen auf der Hochebene vom Gardasee verbrachte. Die engen Straßen und mein schwaches Auto reduzierten die Fahrgeschwindigkeit auf 15 – 20 km/h. Bereits nach kurzer Zeit hatte ich mich an die Langsamkeit gewöhnt, ich wurde ruhiger und gelassener. Auf der Heimreise wurde ich dann plötzlich von der Geschwindigkeit des üblichen Reiseverkehrs beinahe überrollt.

4 Jahre später am selben Ort konnte ich diese Verwandlung nicht mehr nachvollziehen. Ich hatte inzwischen ein anderes Auto, welches die steilen Bergstraßen viel schneller überwinden ließ.

Natürlich kann man hinterfragen, ob es wirklich „slow travel“ ist mit dem Zug bzw. dem Bus zu reisen. Vielleicht ist es nur relativ langsames Reisen im Vergleich zum Flugzeug und der wahrlich langsam Reisende geht den Weg zu Fuß.

Trotzdem kann ich dem allem viel abgewinnen, denn mein Urlaub in Griechenland begann auch mit einer Anreise von 2 ganzen Tagen im Gegensatz zu Abflug und Ankunft innerhalb von 5 Stunden. Es ist eine andere Art anzukommen, wenn man so lange für die Anreise braucht. Vielleicht macht es das sogar wertvoller, so ähnlich wie die Sache mit der Vorfreude.

Was ohne Anstrengung sofort verfügbar ist, verliert inflationär an Wert. Wofür wir uns einsetzen und was wir hart erarbeiten, gewinnt an Bedeutung.

Dan Kieran ist Mitautor vom Buch „Three Men in a Float: Across England at 15 MPH“. Auch in „Slow Travel“ erzählt er immer wieder ein kleines Stückchen von diesem Abenteuer, als er gemeinsam mit 2 Freunden in einem Milchwagen quer durch England gereist ist.

Soviel steht fest, das Buch hat auf jeden Fall meinen Abenteuergeist und einen Traum, der seit einigen Jahren in meinem Hirn herum spukt, genährt.


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Bilder aller Buchtipps sind auf meiner Pinterest-Pinwand zu finden.

Im Gesamtindex „Beiträge“ findest Du eine Übersicht über alle bisher veröffentlichten Beiträge.

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29 Kommentare zu “gelesen im Dezember – Buchtipp #16

  1. Klingt ja sehr interessant!

    Wir haben uns auch gemeinsam gegen das Reisen mit dem Flugzeug entschieden, fühlen uns dadurch auch überhaupt nicht beschränkt. In Europa liegen so viele schöne Plätze so dicht beinander, auch hier in der Heimat kann man in überschaubarer Zeit überall hinkommen. Heutzutage ist man ja schon fast ein Unikat, wenn man auf das Flugzeug verzichtet, immerhin sind Flüge im Moment viel billiger als Anreisen mit dem Zug oder Auto. Auch Flüge nach Übersee sind, bei längerem Aufenthalt, relativ günstig zu bekommen.
    Ich denke auch, dass die Vorfreude auf den Urlaubsort bei längerer Anreise größer ist, als wenn man sich einfach ins Flugzeug setzt. Auch die Reise zum Ausgangsort einer Reise kann zum Abenteuer umgestaltet werden. Hat man gleich doppelt was davon.

    Liebe Grüße, Daniela

    • Hallo Daniela!

      Freut mich sehr, dass Dich mein Buchtipp anspricht!

      Wenn man Zeit hat, ist das Reisen mit dem Zug in Ö teilweise schon recht günstig. Mit dieser Sparschiene kommt man günstiger als mit dem Auto von Graz nach Wien. Aber das ist natürlich nicht zu jedem Ort möglich.

      Weil ich gerne wandern gehe, bin ich auch viel in Ö unterwegs. Da braucht man keinen Flug.

      Finde ich toll, dass Du Dich mit Deinem Partner entschieden hast nicht zu fliegen!

      lg
      Maria

  2. Hallo Maria,
    danke für den schönen Beitrag! Ich finde es so angenehm, Menschen zu treffen – auch wenn es hier vorwiegend schriftlich und online ist – die ähnlich „anders“ sind! Wenn ich in meinem Arbeitsumfeld erzähle, dass wir für einen vier Tage Urlaub von Süd- nach Norddeutschland über 10 Stunden (je Strecke) mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs waren, dann begegnen die Menschen einem meist mit einem unverständlichen Blick. Ich arbeite im Medienbereich. Da fliegen alle ständig hin und her.
    Auf welche Reise möchtest du dich begeben? Bzw. was für ein Traum? 😉
    Einen schönen Abend! Esther

    • Hallo Esther!

      Vielen Dank für Dein liebes Kommentar! Ich finde es ebenfalls sehr schön zu sehen, dass ich mit meinen Gedanken und Ideen nicht alleine bin.

      Mein nächster großer Reisetraum sind die Plitvicer Seen in Kroatien. Da möchte ich unbedingt einen Wanderurlaub verbringen. Mich zieht es meist nicht ganz so weit weg.

      lg
      Maria

  3. Liebe Maria,
    danke für diesen tollen Buchtipp. Das klingt ja wirklich nach einem „Must-read“! Echt klasse.
    Ich bin ja auch der Meinung, dass es zuhause vor der Tür so unglaublich viele Ecken zu entdecken gibt – man muss einfach nur mit offenen Augen durch die Welt gehen und dann entdeckt man sogar auf dem Weg zur Arbeit ganz versteckte Besonderheiten. 🙂

    Sei ganz lieb gegrüßt von Maddie aus dem Harz!

    • Hallo Maddie!

      Vielen lieben Dank für Dein Kommentar und die Anregungen, aufmerksam sein Umfeld zu betrachten.

      Das ist auch Teil der Achtsamkeitspraxis, einmal einen anderen Weg zu nehmen als sonst, aufmerksam zu beobachten und dadurch Neues zu entdecken. Habe ich mir für dieses Jahr ganz besonders vorgenommen.

      lg
      Maria

  4. In diesem Buch steht anscheinend im Vorwort ein Satz von Bruce Chatwin: „Tourismus ist eine Todsünde.“ Genau den Eindruck hatten wir im letzten Urlaub, auch wenn es schön war, einmal im Leben die Donau und die Wachau zu sehen. Aber was den meisten Städten und Landschaften mit dem Massentourismus und dem übermäßigen Autoverkehr angetan wird, das ist schon haarsträubend.
    Wir haben damals beschlossen, unser Urlaubsverhalten erneut zu überdenken und zu hinterfragen, ob man dies und das wirklich einmal gesehen haben muss. Zumindest kann man sich mal fragen, wie es mit den Orten der Umgebung ist, die man noch nicht kennt und wo andere von weither kommen, um sie zu sehen.
    Danke für deine Buchvorstellung, die bei mir erneut Gedanken anstößt, wie wir in Zukunft reisen wollen (ob überhaupt).

    • Liebe Ingrid!

      Wie schön, dass ich da Deinen Gedanken angekurbelt habe!

      Ich habe ziemlich lange für das Buch gebraucht, weil ich immer wieder ein paar Zeilen gelesen und dann darüber nachgedacht habe. Es hat auch bei mir viel ausgelöst!

      lg
      Maria

      • Das ist natürlich die richtige Art zu lesen: immer mal wieder innehalten und darüber nachdenken. Ich will mir angewöhnen, solche Bücher mehrmals zu lesen.

  5. Liebe Maria.
    Dieses Buch tönt sehr interessant, so kann auch Lesen eine Reise sein… und ja, Reisen braucht Zeit, unbedingt.
    Deine Geschichte vom Gardasee hat mich auch an etwas erinnert: als ich mal nach einer (so schnell geht das mit dem „runterfahren“) Woche auf der Alp wieder in der Stadt war, wurde ich fast überfahren. Ich hatte prompt vergessen, dass ich nun wieder ständig auf alle Seiten schauen muss, bevor ich losgehe… 🙂
    Das Buch hat deinen Abenteuergeist genährt, wie schön! Manchmal wird es plötzlich Zeit, den Traum zu verwirklichen…
    Vielen Dank für den super Tipp und ganz liebe Grüsse, Yvonne

  6. Ich kenne das Buch und kann es wie hier auch nur wärmstens empfehlen. Die bisher schönsten Erlebnisse auf Reisen hatte ich auch immer nur dann, wenn ich „gebummelt“ habe. 😉

  7. Das klingt nach einem schönen Buch.
    Ich verstehe auch nie die Leute, die auf Kurzstrecken das Flugzeug nehmen. Man verliert völlig den Bezug zu Zeit und Raum. Wenn man stattdessen z.B. mit der Bahn fährt, sieht man, wie sich die Landschaft nach und nach verändert (Berge, Täler, Flüsse, Heide, das Meer, auch die Architektur!), nimmt die Entfernung zwischen Start und Ziel viel besser wahr, weil eine angemessene Zeitspanne vergangen ist.

    Danke für die Buchbesprechung!
    Liebe Grüße,
    Henriette

    • Hallo Henriette!

      Ich kann mich gut an eine Unterhaltung mit meiner Cousine erinnern, die seinerzeit eine Besichtigungskreuzfahrt gemacht hat.

      Jeden Tag eine andere Stadt, in der Nacht wurde gefahren. Sie hat gesagt, dass das total stressig war und sie nie das Gefühl hatte irgendwo angekommen zu sein, weil einfach die Reise gefehlt hat.

      lg
      Maria

  8. Pingback: CO2 Fußabdruck – Verhaltensvorschläge | the green transition

  9. Hallo Maria,

    langsames Reisen ist auch genau mein Ding. Ich habe mir auch schon mal überlegt, dass man im Prinzip auch ganz ohne Flugzeug nach Südamerika reisen könnte. Die Reise dorthin würde eben nur etwas länger dauern, ein paar Jahre vielleicht.

    Umso mehr finde ich es schade, dass relativ nahe Lände, wie beispielsweise Israel, gerade nicht ohne Flugzeug zu erreichen sind. Das ist mir nach wie vor ein Dorn im Auge!

    Lieber Gruß,
    Philipp

    • Hallo Philipp!

      Wenn Dich das interessiert kann ich Dir auch das Buch von Raphael Fellmer „glücklich ohne Geld“ empfehlen (was man gratis runter laden kann).

      Er erzählt unter anderem über seine lange Reise nach Übersee ganz ohne Geld und natürlich ohne Flugzeug!

      lg
      Maria

  10. Liebe Maria, das klingt nach einem Buch, das ich lesen mag. An Land bin ich bekennende und begeisterte Zugfahrerin (letztes Jahr war ich für ein verlängertes Wochenende in der Provence, wobei An- und Rückreise fast länger gedauert haben als der Aufenthalt vor Ort…) und im großen Urlaub sind wir sowieso „slow“ mit dem gemieteten Segelschiff unterwegs. Die schöööönste Art zu Reisen überhaupt! Wo wir jubeln, wenn wir mit dem Ferienboot unter Segeln mal eine sportliche Geschwindigkeit von rasanten 7 oder 8 Knoten erreichen (ca. 13-14 km/h)! Plitvice, ja: Das soll total schön sein. Hast du schon konkrete Pläne? lg, Gabi

    • Hallo Gabi!

      Dass es wunderschön ist mit einem Segelboot zu reisen kann ich mir gut vorstellen. Habe davon ja auch schon auf Deinem Blog gelesen und hat mich sofort angesprochen.

      Plitvice habe ich noch keine konkreten Pläne, Frühsommer möchte ich anstreben, mehr weiß ich noch nicht. Kennst Du die Gegend? Kannst Du mir was empfehlen?

      lg
      Maria

      • Hm, nein, leider nicht. Wir sind nicht so die Wanderbegeisterten und fahren immer nur mit dem Auto vorbei, am Weg zum Meer 😉

  11. Du, Maria, kannst Du mir weiterhelfen? Ich habe zwei Fotostrecken Beiträge gepostet gehabt ( die mit den Geschenkverpackungen). Nun sind die immer zuoberst in meinem Blog, obwohl ich normale Standardbeiträge gepostet habe, die danach erschienen. Weisst Du vielleicht, wie man das ändern kann? Liebe Grüsse, Cornelia

  12. Pingback: Monatscollage Jänner 2016 | widerstandistzweckmaessig

  13. Hallo Maria,

    vielen Dank für Deine persönliche Einschätzung zum Buch. Bei mir ist es schon ein paar Tage her, dass ich es gelesen habe und dazwischen waren noch einige andere. Mir ging es beim Lesen ähnlich wie Dir. Seit ich es gelesen habe nehmen wir bei einem Ausflug oft den längeren Weg über Dörfer und Ortschaften, statt über die Autobahn zu brettern. Dabei ist es nicht selten passiert, dass wir spontan irgendwo anhalten, Rast machen. Danke fürs Erinnern!

    Liebe Grüße
    Susanne

    • Hallo Susanne!

      Ich fahre nicht gerne auf der Autobahn, seitdem ich ein Navy habe, nehme ich gerne die kürzere dafür manchmal langsamere Strecke, so ähnlich wie Du es auch beschreibst. Hat schon was finde ich!

      Danke für Dein Kommentar!

      lg
      Maria

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